Wenn ich gefragt werde, wie man mit dem Journaling anfängt, sage ich immer dasselbe: mit weniger, als du gerade denkst. Nicht drei Seiten. Nicht jeden Abend eine Stunde. Fünf bis zehn Minuten am Morgen reichen völlig, und sie reichen deshalb, weil du sie tatsächlich machst.
Die meisten scheitern nicht am Schreiben. Sie scheitern an dem Anspruch, den sie sich vorher aufgeladen haben.
warum ich morgens schreibe
Ich setze mich morgens mit dem ersten Kaffee hin und lasse den gestrigen Tag noch einmal vorbeiziehen. Auch die Nacht gehört dazu: wie ich geschlafen habe, wie ich aufgewacht bin. Beides liegt dann noch frisch genug da, um ehrlich hinschauen zu können, und gleichzeitig ist schon genug Abstand da, dass ich nicht mittendrin stecke.
Ich sitze dabei das ganze Jahr über im Garten, bei zwanzig Grad genauso wie bei minus zehn. Draußen komme ich schneller bei mir an, und von da aus schreibt es sich leichter. Das hat sich so festgesetzt, dass ich es nicht mehr missen möchte.
Die Fragen sind simpel. Wie habe ich mich gefühlt. Wie ist der Tag gelaufen. Und vor allem: Wie ist er bei mir angekommen. Das ist nicht dasselbe. Ein Tag kann objektiv gut gelaufen sein und sich trotzdem falsch anfühlen, und genau diese Lücke wird beim Schreiben sichtbar.
meine drei bereiche
Über die Jahre hat sich das bei mir in drei Bereiche sortiert. Nicht, weil ich mir ein System bauen wollte, sondern weil ich gemerkt habe, dass ich immer wieder an denselben drei Stellen lande.
Ich schreibe das hier ausdrücklich nicht als Methode, die du übernehmen sollst. Es ist mein Gerüst gewesen, kein Vorschlag für deins. Wenn du weißt, worüber du schreibst, fällt das Anfangen leichter.
Der erste ist die Gesundheit. Schlaf und Sport, ganz nüchtern. Wie lange, wie gut, was habe ich bewegt. Dazu notiere ich auch, was ich gegessen habe und wie ich mich danach gefühlt habe. Nicht um zu zählen, sondern weil ich nach ein paar Wochen im Rückblick sehe, was mir tatsächlich Energie nimmt. Das sind bei mir oft andere Dinge, als ich vermutet hätte.
Der zweite ist der Zustand. Wie ich mich gerade fühle, was ansteht, was mich beschäftigt, wie der gestrige Tag gelaufen ist. Das ist der Teil, der sich am wenigsten planen lässt und aus dem am meisten kommt.
Der dritte ist die Dankbarkeit. Drei Dinge, für die ich dankbar bin. Und da mache ich etwas, das den ganzen Abschnitt für mich verändert hat.
die dankbarkeit, die noch nicht passiert ist
Ich schreibe nicht nur auf, wofür ich dankbar bin. Ich schreibe die Dankbarkeit auch in die Zukunft. Also nicht nur, was gestern gut war, sondern wofür ich dankbar sein werde, wenn es so weit ist.
Das klingt nach einem Trick, und vielleicht ist es auch einer. Aber es macht etwas mit der Wahrnehmung. Wenn ich morgens formuliere, wohin es gehen darf, nehme ich tagsüber die Momente deutlicher wahr, in denen genau das passiert. Und es hilft mir mit den Dingen, die erst einmal nicht positiv aussehen. Ich kann sie leichter annehmen, weil ich mir angewöhnt habe, nach vorn zu schauen statt nur zurück.
was das schreiben tatsächlich macht
Der eigentliche Effekt liegt nicht in der Methode. Er liegt darin, dass du dir selbst zurückspiegelst, was gerade mit dir passiert. Beim Schreiben wird dir bewusst, was gestern eigentlich war, und vieles davon hättest du sonst einfach durchlaufen lassen.
Und dann ist da noch der andere Teil: Du schreibst es dir von der Seele. Danach bist du leichter. Das gilt für das Schöne genauso wie für das, was gerade drückt. Beides darf auf die Seite. Gerade mit dem Unangenehmen lohnt es sich, sich zu konfrontieren, statt es zu umgehen. Auf dem Papier verliert es meistens einen Teil seiner Größe.
Was mir Energie nimmt, ist selten das, wofür ich es halte. Nicht die Situation und nicht die Person, sondern das, was ich damit verbinde: eine alte Wiederholung, eine Blockade, die ich ohnehin schon mit mir trage. Ich blockiere mich selbst öfter, als ich annehmen würde, und beim Schreiben fällt mir das auf.
die ersten wochen
Wenn du es ausprobieren willst, würde ich es mir vornehmen wie ein kleines Experiment: zwei bis drei Wochen, jeden Morgen fünf bis zehn Minuten. Das ist ungefähr die Zeit, in der sich zeigt, ob es trägt. Wer mehr Zeit hat, kann länger schreiben, aber nötig ist es nicht.
Ich habe genauso klein angefangen. Heute sitze ich oft eine halbe bis ganze Stunde, je nachdem, wie es sich anfühlt. Das ist aber nichts, was ich mir vorgenommen hätte, es ist einfach so gewachsen. Und es soll auch keine Pflicht werden. Viele probieren es aus, und irgendwann können sie es nicht mehr sein lassen. Das ist der Punkt, an dem es anfängt zu wirken.
vom gerüst zum freien schreiben
Am Anfang haben mir feste Fragen geholfen, weil eine leere Seite sehr laut sein kann. Meine waren die drei Bereiche von oben, mehr nicht. Sie mussten nicht klug sein. Sie mussten mir nur den Moment abnehmen, in dem ich morgens überlege, worüber ich überhaupt schreibe. Genau daran scheitert es sonst nämlich, und ohne die ersten Wochen entsteht keine Routine. Deine Fragen werden anders aussehen als meine, und das ist auch richtig so.
Irgendwann merkst du, dass du die Fragen gar nicht mehr liest. Dann ist der Moment gekommen, sie wegzulassen. Das würde ich sogar bewusst tun, denn ab da wird es erst richtig interessant. Du arbeitest keine Punkte mehr ab, sondern folgst dem, was ohnehin schon da ist. Bei mir läuft es seitdem von allein.
Mit den Fragen haben sich bei mir auch die Themen verschoben. Am Anfang ging es fast nur um Produktivität, darum, was meinen Tag ausmacht. Heute ist das nicht mehr der Punkt. Entschieden habe ich das nie, es hat sich beim Schreiben ergeben. Wie das gelaufen ist, habe ich hier aufgeschrieben.
ein eigenes buch dafür
Eine Sache würde ich nicht überspringen: Nimm ein eigenes Buch dafür. Nicht den Notizblock, auf dem auch die Einkaufsliste steht. Gönn dir eines, das du gern in die Hand nimmst, mit einem Umschlag, der dir gefällt. Das klingt nach Nebensache, ist aber der Unterschied zwischen einer Aufgabe und einem Ort, an den du gern zurückkommst.
Ich selbst schreibe auf einem reMarkable. Das Schreibgefühl darauf ist wirklich gut, und ich habe alles an einem Ort. Für E-Ink-Geräte gibt es passende Seitenraster, aber ein schönes Buch aus Papier tut es genauso. Was ich jeden Tag dazuschreibe, ist das Datum. Beim späteren Zurücklesen ist es das Erste, wonach du suchst.
wenn ein satz reicht
Und falls dir selbst zehn Minuten gerade zu viel sind: Es geht auch mit einer Zeile. Eine Seite pro Datum, eine Zeile pro Jahr, fünf Jahre untereinander. Die Vorlage dafür gibt es hier kostenlos als PDF: Eine Zeile pro Tag. Nach einem Jahr steht über deiner Zeile die vom letzten Jahr, und da fängt es an, interessant zu werden.
Das Zurücklesen ist mir mit der Zeit so wichtig geworden, dass ein Werkzeug daraus entstanden ist. Inkward liest meine handgeschriebenen Seiten und gibt sie mir zurück. Es deutet nichts und rät zu nichts, es zeigt nur, was ohnehin schon dasteht. Mehr über Inkward.
Anfangen ist wichtiger als gut anfangen. Der Rest kommt von selbst.