Angefangen habe ich nicht, weil ich ein Tagebuchmensch war. Ich hatte ein paar Bücher gelesen, in denen es immer wieder hieß: Die erfolgreichen Manager und Unternehmer, die schreiben jeden Tag. Das war der ganze Auslöser. Kein großes inneres Erlebnis, eher eine Vermutung. Wenn die das machen, dachte ich, dann hat das vielleicht einen Grund, und ich wollte wissen, welchen.
Also habe ich mir ein reMarkable 2 gekauft. Und dann habe ich angefangen, jeden Tag zu schreiben. Das war mein Einstieg ins Journaling, lange bevor ich das Wort dafür hatte.
wie ich mit dem journaling angefangen habe
Am Anfang war das sehr funktional. Meine Fragen drehten sich um Optimierung. Wie werde ich produktiver? Was geht gerade in mir vor? Wofür bin ich dankbar? Wie kann ich mich verbessern? Ich saß da mit dem Stift und habe mich an mir selbst abgearbeitet, als wäre ich ein Projekt mit einer Roadmap.
Und es hat Spaß gemacht. Das ist mir wichtig zu sagen, weil ich erwartet hätte, dass so eine tägliche Sache irgendwann zur Pflicht wird und dann einschläft. Bei mir war es umgekehrt. Sie ist geblieben, bis heute. Ich glaube, das ist der eigentliche Grund, warum aus dem Experiment eine Gewohnheit wurde. Nicht die Disziplin, sondern dass ich gern dorthin zurückkam.
die ziele, die nicht trugen
In dieser ersten Phase hatte ich sehr hohe Ziele. Ich habe mir Dinge vorgenommen, die wirklich groß waren. Ein Teil davon hat am Ende nicht so getragen, wie ich es mir erhofft hatte. Wenn ich heute überlege, woran das lag, finde ich verschiedene Erklärungen. Vielleicht war ein Vorhaben einfach noch nicht reif. Vielleicht gab es nicht genug Leute, die es haben wollten. Manches lief schon an, nur eben nicht in dem Ausmaß, das ich vor Augen hatte. Im Rückblick habe ich an einigen Stellen zu klein gedacht oder mir eine zu enge Nische ausgesucht.
Das hat mich aber nicht enttäuscht. Und das ist kein Schönreden. Diese hohen Ziele waren kein Fehler. Gerade weil sie mich angetrieben haben, habe ich überhaupt erst gemerkt, wie wichtig mir Erfüllung ist. Auch die Arbeit an mir selbst. Der Antrieb hat mich an einen Punkt gebracht, an dem ich tiefer hinschauen konnte. Ohne diese Erwartungshaltung wäre ich dort wahrscheinlich nie gelandet.
Was sich über die Zeit verändert hat, waren die Fragen. Durchs Schreiben wurde mir langsam klar, dass Produktivität nicht das Wichtigste ist. Für mich war das keine These aus einem Buch, sondern etwas, das von Tag zu Tag deutlicher auf dem Papier stand. Präsenz zählt mehr, und die Arbeit an einem selbst zählt mehr. Ich habe das nicht beschlossen. Ich habe es gelesen, in dem, was ich selbst geschrieben hatte. Es stand längst da, ich hatte es nur überlesen.
Was mir dabei geholfen hat, war ein einfaches Mittel, das ich mir aus Ali Abdaals Productivity Lab mitgenommen habe: die Balanced Week. Ich plante meine Woche so, dass die Arbeit als Aufgaben im Kalender stand, aber genauso fest der Freiraum, den ich brauchte. Nicht, um weniger zu leisten, sondern um mit klarem Kopf am eigentlichen Ziel zu arbeiten und danach, über die geplante freie Zeit, wieder auszugleichen. Es ist auch ein Perspektivwechsel: Mit etwas Abstand sehe ich die Dinge anders. Immer wenn ich es zu weit ins reine Leisten getrieben hatte, holte mich genau das zurück zu mir. Das ist bis heute eines der wichtigsten Dinge für mich geblieben, weil es mich immer wieder daran erinnert, was ich gerade wirklich brauche. Die Gesellschaft misst Leistung, und wir tun es bei uns selbst genauso. Alles soll messbar sein. Aber heißt messbar auch glücklich?
der weg über den körper
Parallel lief bei mir ein ganzer Körperstrang. Ich habe viel ausprobiert und aufgesaugt. Am Anfang bin ich vor allem für die körperliche Performance ins Eisbaden gegangen, um besser zu werden und mehr auszuhalten. Aber das Eisbaden ist viel mehr als das. Jeden Tag in das eiskalte Wasser zu steigen ist ein Schlag, und der macht etwas mit einem. Man geht jedes Mal bewusst aus der Komfortzone heraus, man konfrontiert sich mit sich selbst, und genau daran wächst man. Es geht ums Loslassen, ums Körpergefühl, ums Hören auf die innere Stimme. Im Grunde ist es dem Schreiben sehr ähnlich. Auch da setze ich mich jeden Tag etwas aus, das ich lieber umgehen würde, und komme dadurch näher an mich heran. Das Eisbaden ist bis heute geblieben, ich mache es jeden Tag.
Die Atemarbeit kam schon in dieser frühen, leistungsorientierten Zeit dazu. Am Anfang ging es mir vor allem darum, mein mentales Bewusstsein zu trainieren, also war auch das eine Form von Optimierung. Wirklich gedreht hat es sich dann auf einem Wim-Hof-Retreat in Lappland, Finnland. Das war im Rückblick kein Umweg, sondern ein wichtiger Schritt dorthin, wo ich heute stehe. Über den Atem und über die Natur dort bin ich zum ersten Mal richtig mit mir selbst in Kontakt gekommen. Und nach jeder Atemrunde haben wir aufgeschrieben, was in uns hochgekommen war. Da haben sich der Atem und das Schreiben zum ersten Mal berührt, lange bevor ich daraus etwas gemacht habe.
Aus dem Retreat wurde mehr: Ich habe mich später zum Atemtrainer ausbilden lassen. Bewusstes Atmen bringt mich noch näher an mein Körpergefühl, und je deutlicher ich das spüre, desto klarer sehe ich, was gerade in mir vorgeht.
Auch hier kam die eigentliche Einsicht durchs Schreiben. Ich habe irgendwann erkannt, dass ich gar nicht top performen muss. Es geht nicht um Höchstleistung, sondern um ein Körpergefühl, das zu mir passt und dem gerecht wird, wer ich bin. Und darum, mit der Intuition zu spüren, was ich kann und wohin der Weg führt.
Dieser Weg verlief nicht geradlinig. Es gab gute und schwere Phasen, in der Produktivität genauso wie in diesem Zurückkommen zu mir. Mal war ich tief drin im Machen, mal weit weg von mir. Und jedes Mal, wenn ich über eine kleine Auszeit zurückfand, über Sport, Natur, den Wald oder die Sauna, hatte ich danach einen anderen Blick auf das, was ich gerade tat. Es waren ehrliche Selbstexperimente mit Auf und Ab, keine saubere Aufwärtskurve.
was journaling tatsächlich macht
Diese Einsicht hat einiges in Bewegung gesetzt. Über das ehrlichere Körpergefühl und über die Fragen im Journal bin ich bei der Intuition gelandet. Aus der Atemarbeit, die als Gehirntraining angefangen hatte, wurde mit der Zeit etwas Tieferes. Heute halte ich einen Alignment Day und arbeite im Einzelcoaching mit Menschen daran, die eigene Intuition zu finden.
Wenn ich erklären soll, wie das Schreiben eigentlich auf mich wirkt, dann so. Für mich ist Journaling weniger Technik als Selbstreflexion: ein schneller Spiegel meines inneren Zustands. Wenn ich anfange zu schreiben, merke ich nach ein paar Zeilen, wie gestresst ich bin. Oder wie sehr ich gerade bei mir bin. Es geht weniger um Pläne und mehr um Gefühle, darum, bei mir anzukommen. Wenn ich das, was in mir ist, schreibend zurückspiegele, erkenne ich viel schneller, in welchem Zustand ich gerade stecke. Manchmal lese ich einen Satz von mir und weiß sofort mehr über meinen Tag, als ich vorher den ganzen Vormittag über mich wusste.
Und es zeigt mir Blockaden. Manche Dinge, die da sind und losgelassen werden dürfen, werden mir überhaupt erst durchs Schreiben bewusst. Vorher liegen sie irgendwo im Hintergrund und drücken, ohne dass ich sie benennen könnte. Auf dem Papier bekommen sie eine Form, und damit lassen sie sich anfassen.
Was dann durchs Schreiben bewusst geworden ist, kann ich mit der Atemarbeit oft noch besser angehen und auch lösen. So habe ich es in meinen eigenen Selbstexperimenten gemacht. Erst auf dem Papier sehen, was da ist, dann mit dem Atem daran arbeiten. Das eine legt frei, beim anderen kann ich loslassen. Über die Jahre habe ich auf diese Weise viel an mir gearbeitet und viele innere Blockaden gelöst. Nicht in einem großen Befreiungsschlag, sondern Stück für Stück.
ein langer prozess, kein schalter
Wenn ich heute zurückschaue, sehe ich vor allem eines. Das ist ein langer Prozess gewesen, nichts von heute auf morgen. Wachstum hieß für mich, alte Dinge loszulassen, damit eine neue Identität Platz hat. Das passiert nicht auf Ansage. Es braucht Zeit, und es tut manchmal weh, weil man etwas hergibt, das einem lange vertraut war. Das Schreiben hilft mir genau dabei. Es zeigt mir, was ich gerade festhalte, und macht es dadurch leichter, die Hand zu öffnen.
Daraus ist übrigens auch Inkward entstanden. Beim Entwickeln hat dieser Spiegel oft starke Emotionen in mir ausgelöst, weil er so tief greift. Da standen plötzlich meine eigenen Worte vor mir, zurückgegeben, und ich habe gespürt, wie viel da drin liegt. Es ist ein Unterschied, ob man etwas schreibt und wegblättert, oder ob es einem ruhig zurückgereicht wird. Er deutet nicht, er gibt mir meine eigenen Worte zurück, und genau das bringt bei mir etwas in Bewegung.
Heute ist Schreiben für mich auch eine Art Manifestation. Es ist meine Art, mich selbst festzustellen. Wo ich gerade stehe, in welchem Zustand ich bin, wie sich meine Identität gerade verändert, welche Grenzen ich im Moment sehe. Und es heißt für mich inzwischen auch, Verschüttetes wieder zu entdecken. Dinge in mir, die verloren oder vergessen schienen, und die plötzlich wieder auf dem Papier auftauchen, als hätten sie nur darauf gewartet, dass ich sie aufschreibe.
Ich glaube inzwischen, dass das meiste, was wir suchen, schon in uns liegt. Nicht als Methode, die einem jemand beibringt, sondern als etwas, das wir längst wissen und im Alltag nur überschreiben. Das Schreiben bringt mir nichts Neues bei. Es legt frei, was schon da ist, und gibt mir meine eigenen Worte zurück. Die Lösung kam nie von außen. Sie stand schon auf dem Papier, ich musste sie nur lesen.
Am Ende ist es im Grunde nur das. Und gerade darum trägt es so weit.